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Ist der CH-Strom tatsächlich klimafreundlich

Aufklärung zur Klimabelastung von Strom

In der aktuellen Debatte brüsten sich vor allem Wirtschaftskreise mit einem grünen Gewissen. Man dürfe die vermeintlich „sauberen“ Atomkraftwerke nicht abstellen, denn ansonsten würde die Schweiz gezwungen dreckigen und klimabelastenden Kohle aus der Europäischen Union zu importieren und würde somit abhängiger. Man sollte wissen, dass importierter Strom aus der EU CO2-bereinigt ist. Der CO2-Anteil der Stromproduktion muss also von den Kraftwerksbetreibern kompensiert werden. Nun wird aber kritisiert, dass die Umweltkosten durch den nicht funktionierenden Handel mit Emissionsrechten nicht gedeckt sind. Demnach macht es Sinn, in der Gesamtbetrachtung die CO2-Belastung von importiertem Strom zu betrachten.

Saubere CH-Produktion, aber dreckiger Konsum

umweltbilanzstrommixschweiz2011-pdf-acrobat-pro-heute-at-13-03-48In einem Bericht des Bundesamtes für Energie BFE aus dem Jahr 2011 zur Klimabelastung verschiedener Strommixe kann nachgeschaut werden, dass die Stromproduktion der Schweiz klimatechnisch sehr sauber ist. Den knapp 30 Gramm CO2-Equivalenten im Produktionsmix stehen aber etwa dreimal so viele, knapp 90 g/CO2eq, gegenüber. Dies rührt daher, dass ein immer grösserer Anteil Strom aus der EU importiert wird, ohne die Herkunft zu kennen. Man spricht von sogenanntem Graustrom oder „Strom unbekannter Herkunft“. Man kann davon ausgehen, dass die gebundenen Stromkonsumenten in der Grundversorgung (Private und Gewerbe unter 100’000 kWh pro Jahr) sauberen Strom erhalten und dafür auch mehr bezahlen (müssen). Industriefirmen, die seit 2008 auf dem freien Markt Strom einkaufen können, beschaffen sich in der Regel Graustrom, der zu einer Verschlechterung der Klimabilanz führt.

Sauberer Schweizer Strom wird an der Börse „verscherbelt“

Auf der anderen Seite heisst das aber auch, dass die saubere Schweizer Produktion zu tiefen Preisen im Europäischen Markt und im Stromnetz verscherbelt wird. Dies geht sogar so weit, dass Kraftwerke nicht mehr wirtschaftlich sind. Wenn wir von einem industriellen Bezugspreis für elektrische Energie von 4.0 Rappen pro Kilowattstunde ausgehen (ohne Netz und Abgaben), so kostet der Herkunftsnachweis für die Sicherstellung der Produktionsquellen gerade einmal 0.08 Rappen pro Kilowattstunde. Also 0.5% Mehrkosten, dass der Strom in Wasserkraftwerken produziert wird. Das kann unmöglich funktionieren. So sollen Wasserkraftwerke in finanziellen Schwierigkeiten in der neuen Energiestrategie 2050 über die KEV finanziert werden. Die Verluste sollen sozialisiert werden, auf alle Stromkonsumenten. Ein Grund für Bürgerliche dem Paket zuzustimmen.

Industrie muss sparen und kauft Graustrom

Mit Sorge sehe ich, dass die produzierende Industrie vermehrt ins Ausland abwandert. Der Kostendruck ist sehr gross. So kauft selten ein Industriebetrieb Herkunftsnachweise aus Wasserkraft. Obwohl mit einem Strombezug von 10’000’000 kWh die Kosten für 100% Strom aus Schweizer Wasserkraft nur CHF 8’000.- betragen. Man kauft Graustrom ein, und das möglichst günstig an der Europäischen Energiebörse EEX. Schweizer Unternehmen müssen zweifelsohne sehr innovativ und flexibel sein um am Markt weiter bestehen zu können. Dazu gehört aber auch die Offenheit der Politik für neue Ansätze in der Energiepolitik. Und nicht zuletzt eine für die Schweiz vorteilhafte Aussenpolitik.

Irreführung des Stimmvolkes

swiss-futures-safari-heute-at-14-20-12Dass jetzt die Industrieverbände im Abstimmungskampf um die Atomausstiegsinitiative einen auf Saubermann machen, ist klare Irreführung des Stimmvolkes. Ich kann nachvollziehen, dass die Vertreter der Industriebetriebe langfristig günstig Energie einkaufen wollen. Dann sollte es aber auch ganz klar offengelegt sein, dass die Stromquellen eine untergeordnete Rolle spielen. Zudem greift auch das zweite Argument der Initiativgegner, das der Versorgungssicherheit mit Atomkraftwerken, nicht. Denn je älter die Anlagen sind, desto häufiger fallen sie ungeplant aus. Speziell für die Unternehmen, welche sehr marktorientiert beschaffen, sollte dies ein Alarmzeichen sein. Denn der Strompreis ist in den letzten Wochen massiv gestiegen, seit ungeplanten Ausfällen von AKW Leibstadt und rund einem Drittel der französischen AKW.

Wer sparen und gleichzeitig Ziele erreichen will muss das System ändern

2dez14teletopSchon längere Zeit propagiere ich, eine Befreiung der Kostendeckenden Einspeisevergütung KEV einzuführen. Wer in seinem Stromkonsum eine bestimmte Quote erfüllt, sollte komplett von der KEV-Abgabe (derzeit 1.5 Rp./kWh, geplant 2.3 Rp./kWh) befreit werden. Obiger Betrieb könnte für ca. CHF 50’000.- pro Jahr ein erneuerbares Stromprodukt kaufen und sich die Abgabe von neu CHF 230’000.- sparen. So würden diejenigen, die etwas zur Energiewende beitragen nicht bestraft, nein sie würden für ihr Engagement belohnt. Zudem könnte der Zubau von Photovoltaik und Speicher massiv beschleunigt werden. Der Atomausstieg wäre nicht nur bezahlbar, sondern würde auch Kosten senken. Nebst dieser Systemänderung sollte auch der Markt weiter liberalisiert werden. Wettbewerb bringt Innovation.

Der Atomausstieg ist machbar und bringt sogar mehr Versorgungssicherheit mit viel weniger Risiken. Wirtschaft und Politik sollten sich öffnen für einen Umbau des Fördersystems und Vorschläge aus der Praxis im Detail prüfen. Dies gilt für alle politischen Lager, von rechts bis links.

Gerne stehe ich dazu zur Verfügung.

21. Oktober 2016, Marco Rüegg

Published inAllgemeinEnergieGesellschaftSicherheitStaatUmweltWirtschaft

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